Differentialquotient
Du willst wissen, was der Differentialquotient genau ist und wo der Unterschied zum Differenzenquotient liegt? Hier und im Video erklären wir dir alles, was du dazu wissen musst.
Inhaltsübersicht
Differenzenquotient und Differentialquotient
Der Differentialquotient (auch Differenzialquotient) gibt die lokale Änderungsrate einer Funktion an einer betrachteten Stelle an. Der Differenzenquotient hingegen gibt die mittlere Änderungsrate der Funktion über ein betrachtetes Intervall an.
Für viele Anwendungen innerhalb der Mathematik und in der Praxis ist es wichtig, das Änderungsverhalten einer Funktion zu beschreiben. Im Folgenden soll dabei immer von einer reellwertigen Funktion einer Variablen die Rede sein.

Um das Änderungsverhalten der Funktion um eine betrachtete Stelle zu beschreiben, wird die Differenz des Funktionswertes an dieser Stelle und des Werts an einer variablen Stelle untersucht:

Diese Differenz wird allerdings erst dann wirklich aussagekräftig, wenn in Betracht gezogen wird, wie groß der Abstand zwischen den beiden betrachteten Stellen ist. Dadurch ergibt sich der Differenzenquotient im Intervall
:
Differenzenquotient
Mittlere Änderungsrate und Sekantensteigung
Der Differenzenquotient lässt sich als mittlere Änderungsrate der Funktion
auf dem Intervall
interpretieren. Beschreibt die Funktion beispielsweise eine zurückgelegte Wegstrecke
in Abhängigkeit der Zeit
, so stellt der Differenzenquotient die Durchschnittsgeschwindigkeit zwischen den Zeitpunkten
und
dar.
Der Differenzenquotient kann allerdings auch geometrisch interpretiert werden. Wird durch die beiden Punkte
und
auf dem Graphen von
eine Gerade gelegt, so entspricht der Differenzenquotient der Steigung dieser Geraden. Da die Gerade eine Sekante durch den Funktionsgraphen darstellt, kann der Differenzenquotient also auch als Sekantensteigung interpretiert werden.
In den meisten Fällen ist allerdings nicht das Änderungsverhalten der Funktion auf einem Intervall von Interesse, sondern vielmehr das lokale Änderungsverhalten an der Stelle
. Aus dem Differenzenquotienten ergibt sich dies durch Annäherung der Stelle
an die Stelle
und der damit verbundenen Verkleinerung des betrachteten Intervalls.
Studyflix vernetzt: Hier ein Video aus einem anderen Bereich
Lokale Änderungsrate und Tangentensteigung
Der Differentialquotient
an der Stelle
ist der Grenzwert des Differenzenquotienten für
:
Differentialquotient
Er wird auch als Ableitung bezeichnet und beschreibt also die lokale Änderungsrate (bzw. momentane Änderungsrate) der Funktion an der Stelle
. Für eine Funktion, die eine zurückgelegte Wegstrecke
in Abhängigkeit der Zeit
beschreibt, gibt der Differentialquotient die Momentangeschwindigkeit zum Zeitpunkt
an. Dies geht einher mit der Vorstellung des Grenzübergangs des Differenzenquotienten. Der Differenzenquotient gibt nämlich die Durchschnittsgeschwindigkeit auf dem betrachteten Intervall an und der Grenzübergang bedeutet nichts anderes als dass dieses Intervall immer weiter verkleinert wird.
Ebenso lässt sich der Grenzübergang grafisch veranschaulichen. Dabei wandert der Punkt
auf dem Funktionsgraphen immer weiter in Richtung des Punktes
und schließlich gleicht die Sekante durch diese beiden Punkte immer mehr der Tangente am Punkt
.
Der Differentialquotient
an der Stelle
gibt die Tangentensteigung an dieser Stelle an.
| Bezeichnung | Formel | Bedeutung | Geometrische Bedeutung |
| Differenzenquotient | ![]() |
mittlere
Änderungsrate |
Sekantensteigung |
| Differentialquotient | ![]() |
lokale bzw. momentane
Änderungsrate |
Tangentensteigung |
Differentialquotient: Definition und Differenzierbarkeit
Eng in Verbindung mit dem Differentialquotienten steht der Begriff der Differenzierbarkeit.
Sei
ein offenes Intervall und
eine Funktion. Diese Funktion
heißt an der Stelle
differenzierbar, falls der Grenzwert

existiert. Dieser Grenzwert entspricht ja gerade dem Differentialquotienten von
an der Stelle
und wird wie bereits erwähnt auch als Ableitung von
an der Stelle
bezeichnet. Sei
auf der Menge
differenzierbar, so heißt die Funktion


Ableitungsfunktion von
.
Für diese Funktion
lässt sich nun wieder der Differentialquotient bestimmen. Diesen nennt man dann die zweite Ableitung von
und sie wird häufig mit
abgekürzt.
h-Methode
Für die explizite Berechnung der Ableitung ist die eben eingeführte Formulierung des Differentialquotienten meistens unvorteilhaft.
Wird allerdings in der Formulierung
des Differentialquotienten
durch
ersetzt, so wird der Grenzübergang
zu
und es ergibt sich folgende Formulierung des Differentialquotienten:

Auf diese Weise ist die explizite Berechnung meistens deutlich einfacher als mit der ursprünglichen Formulierung. Man spricht dabei von der h-Methode.
Differentialquotient Beispiel: Ableitung der wichtigsten Funktionen
Im Folgenden soll, anhand einiger Beispielaufgaben zum Differentialquotienten, die explizite Berechnung des Differentialquotienten mit der h-Methode demonstriert werden.
Quadratische Funktion
Zunächst soll die quadratische Funktion betrachtet werden, für welche der Differentialquotient noch recht einfach zu berechnen ist.

Zunächst wird die Funktion in die Definition des Differentialquotienten eingesetzt:

Dieser Ausdruck lässt sich durch elementare Umformungen vereinfachen:
![Rendered by QuickLaTeX.com f^\prime\left(x_0\right)=\lim\limits_{h\rightarrow0}{\frac{x_0^2+2x_0h+h^2-x_0^2}{h}}=\lim\limits_{h\rightarrow0}{\frac{2x_0h+h^2}{h}=\lim\limits_{h\rightarrow0}{\left[2x_0+h\right]}}](https://blog.assets.studyflix.de/wp-content/ql-cache/quicklatex.com-be01129fc7232cd9bafea2cd6bf9b3a6_l3.png)
Dieser Grenzwert ist leicht zu bestimmen und es ergibt sich für den Differentialquotienten der quadratischen Funktion
der folgende Ausdruck:

Potenzfunktion
Nun soll der Differentialquotient einer allgemeinen Potenzfunktion

berechnet werden. Hierbei soll
eine beliebige natürliche Zahl sein. Es gilt:

Mithilfe des binomischen Lehrsatzes lässt sich dieser Ausdruck vereinfachen:


![Rendered by QuickLaTeX.com =\lim \limits_{h \rightarrow 0} \left[\binom{n}{1}x_0^{n-1} + \binom{n}{2}x_0^{n-2}h + ... + \binom{n}{n-2}x_0^2 h^{n-3} + \binom{n}{n-1}x_0h^{n-2} + h^{n-1} \right]](https://blog.assets.studyflix.de/wp-content/ql-cache/quicklatex.com-9ab3829a6c926baea05ec72567f1baf1_l3.png)
Auch dieser Grenzwert lässt sich leicht bestimmen und für die Ableitung der Funktion
an der Stelle
gilt:

Wurzel Funktion
Hier soll die Ableitung der Wurzel-Funktion

bestimmt werden. Einsetzen in die Definition ergibt:

Der Bruch wird nun geschickt erweitert:

Anschließend wird der Ausdruck vereinfacht:

Letztlich lässt sich der Grenzwert wieder recht einfach bestimmen und es gilt für die Ableitung der Wurzelfunktion
an der Stelle
:

Funktion 1/x
Letztendlich soll noch die Ableitung der Funktion

mittels der h-Methode bestimmt werden. Es gilt:

Zunächst werden die beiden Brüche im Zähler auf einen gemeinsamen Nenner gebracht:

Dann wird der Ausdruck vereinfacht:

Letztendlich kann der Grenzwert bestimmt werden und die Ableitung der Funktion
an der Stelle
lautet demnach:

Differentialquotient und Ableitungsregeln
Mithilfe der h-Methode lassen sich Regeln finden, wie verschiedene Verknüpfungen zweier Funktionen allgemein abgeleitet werden können. Mit Hilfe dieser Regeln kann dann die Ableitung einer Funktion auf bereits bekannte Fälle zurückgeführt werden und es muss nicht jedes Mal mühsam der Differentialquotient berechnet werden.
Im Folgenden sollen Funktionen
, die in
differenzierbar sind, betrachtet werden.
Faktorregel
Für
ist auch die Funktion
in
differenzierbar und es gilt:

Beweis:

Summenregel
Die Funktion
ist in
differenzierbar und es gilt:

Beweis:


Produktregel
Auch die Funktion
ist in
differenzierbar und es gilt:

Beweis:





Quotientenregel
Ist
für alle
, dann ist auch die Funktion
in
differenzierbar und es gilt:

Beweis:
Zunächst soll der Spezialfall
betrachtet werden. Der allgemeine Fall folgt dann aus der Produktregel.


Mit der Produktregel gilt nun:


Differentialquotient — häufigste Fragen
(ausklappen)
Differentialquotient — häufigste Fragen
(ausklappen)-
Wann gibt es an einer Stelle keinen Differentialquotienten, obwohl der Graph dort weitergeht?Einen Differentialquotienten gibt es dort nicht, wo die Tangentensteigung nicht eindeutig ist. Das passiert bei Ecken und Knicken (links und rechts unterschiedliche Steigung), bei Spitzen wie bei
in 0 oder bei senkrechten Tangenten, wenn die Steigung gegen unendlich geht.
-
Welche typischen Rechenfehler passieren bei der h-Methode, wenn ich den Grenzwert h → 0 bilde?Typisch sind Fehler beim Kürzen, weil h zu früh durch 0 ersetzt wird. Außerdem werden Klammern beim Ausmultiplizieren von
vergessen oder Vorzeichen vertauscht, sodass sich Terme nicht korrekt aufheben. Häufig bleibt auch ein h im Nenner stehen, wodurch fälschlich eine Division durch 0 entsteht.
-
Wie erkenne ich im Graphen den Unterschied zwischen einer Sekante und einer Tangente, wenn die Punkte sehr nah beieinander liegen?Eine Sekante schneidet den Graphen in zwei Punkten, eine Tangente berührt ihn in genau einem Punkt. Wenn die Punkte sehr nah sind, verlängere die Gerade gedanklich: Die Sekante trifft den Graphen (meist) nochmals, die Tangente passt nur lokal und weicht dann ab.
-
Warum reicht es nicht, einfach h = 0 in den Differenzenquotienten einzusetzen?Nein, das geht nicht, weil dann im Nenner 0 steht und der Quotient nicht definiert ist. Der Differentialquotient entsteht erst als Grenzwert, wenn h gegen 0 geht und sich zuvor ein Faktor h wegkürzen lässt. Beispiel: Bei
wird aus
erst nach dem Kürzen
.
-
Wie unterscheide ich Ableitung an einer Stelle f′(x₀) von der Ableitungsfunktion f′(x)?f′(x₀) ist eine Zahl, nämlich die Tangentensteigung genau bei
. f′(x) ist dagegen eine neue Funktion, die jedem x die passende Steigung zuordnet. Beispiel: Für
gilt
, und bei
ist
.
Differenzenquotient
Klasse! Jetzt kennst du dich mit dem Differentialquotienten aus. Auch den Differenzenquotienten hast du in diesem Artikel schon kennengelernt. Willst du mehr über ihn erfahren? Dann schau direkt in unser Video .
