Merkmale einer Kurzgeschichte
Kurzgeschichten haben keinen klassischen Aufbau. Dennoch kannst du sie an bestimmten Merkmalen ganz schnell erkennen. Wie das geht, zeigen wir dir hier und im Video!
Inhaltsübersicht
Was ist eine Kurzgeschichte?
Eine Kurzgeschichte ist ein kurzer erzählender Text, auch bekannt als „Kurzprosa“. Sie wird immer von einem Erzähler berichtet und gehört deswegen zur literarischen Gattung der Epik.
Du erkennst eine Kurzgeschichte immer an diesen Merkmalen:
- wenige Seiten lang
- direkter Einstieg ohne Einleitung
- ein Handlungsstrang
- chronologisch erzählt
- in Alltagssprache erzählt
- normale Menschen
- wenige Figuren und Orte
- kurze erzählte Zeit
- unerwartete Wendung im Verlauf der Geschichte
- offenes Ende
Wichtig: Es reicht, wenn nur einige Merkmale zutreffen, damit es eine Kurzgeschichte ist.
Merkmale einer Kurzgeschichte
Die Merkmale einer Kurzgeschichte kannst du in „formale Merkmale“ und „inhaltliche Merkmale“ unterteilen. Das hilft dir dabei, Schritt für Schritt vorzugehen: Erst prüfst du den äußeren Aufbau der Geschichte und gehst danach tiefer auf die eigentliche Bedeutung ein. So erkennst du jede Kurzgeschichte!
Formale Merkmale einer Kurzgeschichte
✔️ Wenige Seiten lang: Eine Kurzgeschichte ist sehr kurz gefasst und oft nur zwei bis fünf Seiten lang.
✔️ Direkter Einstieg ohne Einleitung: Die Geschichte startet direkt im Geschehen, ohne dass die Hintergründe oder Personen vorher lang erklärt werden.
✔️ In Alltagssprache erzählt: Die Wortwahl ist schlicht und die Sätze sind kurz gehalten.
✔️ Normale Figuren: Die Figuren in einer Kurzgeschichte sind normale Menschen — keine Helden, keine besonderen Eigenschaften und kein hoher Status.
✔️ Offenes Ende: Die Handlung wird nicht zu Ende geführt. Als Leser sollst du selbst darüber nachdenken, wie es ausgehen könnte oder was die Lehre der Geschichte ist.
✔️ Erzähler: Es gibt meistens einen neutralen oder personalen Erzähler,
der keine eigenen Kommentare abgibt und nur das Geschehen beschreibt.
Inhaltliche Merkmale einer Kurzgeschichte
✔️ Nur ein Handlungsstrang: Es geht nicht um eine ganze Lebensgeschichte, sondern nur um ein wichtiges Ereignis im Leben der Hauptfigur.
✔️ Erzählt chronologisch: Die Ereignisse werden einfach nacheinander in der richtigen zeitlichen Reihenfolge erzählt. Das nennst du auch „lineare Handlung“.
✔️ Wenige Figuren und Orte: Um die Kürze einzuhalten, tauchen in der Geschichte nur wenige Leute auf. Das Geschehen findet oft nur an einem Ort statt.
✔️ Kurze erzählte Zeit: Die erzählte Zeit
umfasst meistens nur einen sehr knappen Ausschnitt, wie etwa ein paar Minuten oder Stunden.
✔️ Unerwartete Wendung: In einer Kurzgeschichte passiert oft etwas Unerwartetes, das die Situation oder die Sichtweise der Figur schlagartig verändert.
✔️ Stilmittel: Damit die Geschichte trotz der Kürze eine tiefere Bedeutung erhält, enthalten sie oft Stilmittel.
Studyflix vernetzt: Hier ein Video aus einem anderen Bereich
Merkmale einer Kurzgeschichte erkennen — Beispiel
Jetzt weißt du, woran du Kurzgeschichten erkennst. Damit du das Ganze auch anwenden kannst, schauen wir uns die Merkmale am Beispiel von „Die Küchenuhr“ von Wolfgang Borchert an.
Worum geht’s?
Ein junger Mann setzt sich zu fremden Menschen auf eine Bank. In seiner Hand hält er eine alte Küchenuhr. Sie ist das Einzige, was ihm nach einem Bombenangriff auf sein Haus geblieben ist. Nach und nach wird klar, dass seine Familie tot ist. Doch die Uhr erinnert ihn an die glücklichen Abende mit seinen Eltern.
Die ganze Kurzgeschichte zu „Die Küchenuhr“ kannst du hier lesen.
Folgende Merkmale kannst du in der Kurzgeschichte erkennen:
Formale Merkmale:
- Wenige Seiten lang: Die Geschichte ist nur eineinhalb Seiten lang — typisch für eine Kurzgeschichte.
- Direkter Einstieg ohne Einleitung: Der Text startet unmittelbar mit der Beobachtung: „Sie sahen ihn schon von Weitem auf sich zukommen…“. Wer „sie“ oder „ihn“ genau sind, verrät dir der Text nicht. Auch wo die Bank steht, erfährst du als Leser nicht.
- In Alltagssprache erzählt: Borchert schreibt sehr schlicht und verwendet einfache Sätze sowie Alltagswörter wie: „Das war unsere Küchenuhr.“ oder „Das ist ja gerade der Witz.“. Es gibt kaum komplizierte Schachtelsätze oder Fachbegriffe.
- Normale Figuren: Die Charaktere bleiben anonym („der Mann“, „die Frau“, „er“). Es sind einfache Menschen, die durch den Krieg alles verloren haben.
- Offenes Ende: Die Geschichte bricht ab, während der Mann neben ihm noch über das Wort „Paradies“ nachdenkt. Ob der Mann mit der Uhr Hilfe bekommt oder wie sein Leben weitergeht, bleibt völlig unklar.
- Erzähler: Ein personaler Erzähler (oder teilweise neutraler Beobachter) erzählt die Geschichte. Er beschreibt von außen, was passiert und was gesagt wird.
Inhaltliche Merkmale:
- Nur ein Handlungsstrang: In der Geschichte geht es nur um ein Gespräch auf einer Bank.
- Erzählt chronologisch: Dieses Merkmal ist nur zum Teil erfüllt. Die Haupt-Handlung (das Gespräch auf der Bank) ist chronologisch. Aber die Geschichte von dem Mann mit der Uhr ist eine Rückblende. Die Handlung springt also zeitlich zurück, was für eine „lineare Handlung“ untypisch ist.
- Wenige Figuren und Orte: Das gesamte Geschehen spielt sich auf der Bank ab und es gibt nur 3 Figuren: der Mann und die zwei Zuhörer.
- Kurze erzählte Zeit: Die Erzählzeit auf der Bank umfasst vermutlich nur zehn bis fünfzehn Minuten — eben die Dauer eines kurzen Gesprächs.
- Unerwartete Wendung: Den gibt es, aber er ist eher innerlich. Dem Mann (und dem Leser) wird klar, dass das alltägliche Nachtessen mit der Mutter das eigentliche „Paradies“ war. Dieser Moment ändert die gesamte Stimmung der Geschichte.
- Stilmittel: Die Geschichte nutzt einige Stilmittel. Die kaputte Küchenuhr steht als Symbol für die Zerstörung seines alten Lebens. Das „Paradies“ ist hingegen eine Metapher für einen geregelten, liebevollen Alltag, den er erst schätzt, seit er weg ist.
Oft musst du die Merkmale in einer Prüfung oder Hausaufgabe erklären. Wie das aussehen kann, siehst du hier:
Dass „Die Küchenuhr“ von Wolfgang Borchert eine Kurzgeschichte ist, zeigt sich formal schon am geringen Umfang. Sie ist nur eineinhalb Seiten lang. Typisch ist auch der direkte Einstieg: Es gibt keine Einleitung, sondern es geht direkt mit dem Satz „Sie sahen ihn schon von weitem auf sich zukommen…“ los. Der Leser erfährt also nicht, wer die Leute sind oder wo genau die Bank steht. Die Alltagssprache ist ein weiteres Merkmal, denn Borchert schreibt in ganz einfachen Sätzen und nutzt Wörter aus dem normalen Sprachgebrauch wie zum Beispiel „Das war unsere Küchenuhr.“ oder „Das ist ja gerade der Witz.“. Bei den Personen handelt es sich um Alltagsfiguren, weil sie nur „der Mann“ oder „die Frau“ genannt werden. Auch das typische offene Ende ist erfüllt, da die Geschichte abbricht, während ein Zuhörer noch nachdenkt. Der Leser erfährt nicht, wie es weitergeht.
Auch inhaltlich erfüllt der Text die Merkmale einer Kurzgeschichte. Es wird nur ein Ereignis an einem Ort behandelt, nämlich das Gespräch auf der Bank. Das dauert vermutlich nur wenige Minuten. Ein weiteres wichtiges Merkmal ist der Wendepunkt. Dem Mann wird mitten im Gespräch klar, dass sein früherer Alltag eigentlich ein „Paradies“ war. Um das zu verdeutlichen, nutzt der Autor Stilmittel wie die Uhr als Symbol für das kaputte Leben oder das Wort „Paradies“ als Metapher für die verlorene Heimat.
Wichtig: Gehe in deiner Erklärung am besten nur auf die Merkmale ein, die in deiner Kurzgeschichte erfüllt sind.
Merkmale einer Kurzgeschichte — häufigste Fragen
(ausklappen)
Merkmale einer Kurzgeschichte — häufigste Fragen
(ausklappen)-
Gilt ein Text immer erst dann als Kurzgeschichte, wenn er alle Merkmale erfüllt?Nein, es müssen nicht alle Merkmale erfüllst sein. Wichtig ist das Gesamtbild: Die wenigen Figuren, der Fokus auf ein Ereignis und die Kürze sind entscheidend. Auch wenn ein paar Merkmale fehlen, sprichst du dennoch von einer Kurzgeschichte.
-
Was ist der Unterschied zwischen einer Kurzgeschichte und einer Anekdote?Eine Anekdote ist meistens eine wahre Geschichte über eine bekannte Persönlichkeit, die eine charakteristische Eigenschaft überspitzt darstellt. Sie endet oft mit einer Pointe, also einem lustigen oder schlagfertigen Schlusssatz. Die Kurzgeschichte hingegen handelt von anonymen Alltagsmenschen und lässt den Schluss offen, statt ihn witzig aufzulösen.
-
Kann eine Kurzgeschichte auch in der Ich-Form geschrieben sein?Ja, das kommt aber seltener vor. Ein Ich-Erzähler sorgt für eine noch stärkere Identifikation mit der Figur, da du als Leser ihre Gedanken und Gefühle direkt miterlebst. Das verstärkt die Wirkung des Wendepunkts in der Kurzgeschichte, da du mit der Person mitfühlst.
Interpretation einer Kurzgeschichte
Wie du die Merkmale nun interpretierst und wie du daraus eine Analyse schreibst, zeigen wird dir in unserem Video zur Interpretation von Kurzgeschichten!