Das Wort Narrativ ist in aller Munde. Was das genau ist und wie du es richtig verwendest, erfährst du in diesem Beitrag und in unserem Video .
Inhaltsübersicht
Was ist ein Narrativ?
Ein Narrativ ist eine sinnstiftende Erzählung, die das Weltbild einer Gruppe oder Kultur bestimmt. Dabei werden gesellschaftliche Ereignisse oder Ideen in Geschichten verpackt. Beispiele aus der Vergangenheit sind das Leitbild der Französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ oder das amerikanische „vom Tellerwäscher zum Millionär“.
Narrative helfen also, sich gesellschaftlich zu orientieren und die Welt zu verstehen. Denn sie vermitteln ein Gemeinschaftsgefühl, positive Emotionen und Sinnhaftigkeit. Narrative beschreiben dabei nicht nur historische Fakten, sondern wirken auch auf der Gefühlsebene.
Auch heutzutage beeinflussen verschiedene Narrative unsere Gesellschaft. Gerade in Zeiten der Unsicherheit suchen viele Menschen nach einfachen Narrativen. Das Wort an sich ist deshalb zu einem Modewort geworden und prägt auch die aktuelle Politik.
Narrativ — vom Adjektiv zum Modewort
Lange Zeit wurde das Wort „narrativ“ in Deutsch einfach nur als Adjektiv verwendet. Es kommt vom lateinischen „narrare“ (erzählen) und bedeutet so viel wie „erzählend“.
Als Substantiv wurde die Bezeichnung erstmals 1979 vom französischen Philosophen Jean-François Lyotard verwendet. Mit dem Wort beschrieb er, wie Geschichten von Philosophen wie Immanuel Kant oder Georg Wilhelm Friedrich Hegel zu bedeutsamen Konzepten wurden und so die Gesellschaft prägten. Inzwischen hat es das Substantiv auch im Deutschen in den Duden geschafft, als „(verbindende) sinnstiftende Erzählung “.
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Verankerung in Tatsachen
Doch was genau macht ein Narrativ aus? Das Modewort scheint heutzutage überall aufzutauchen. Dabei ist jedoch oft nicht klar, was damit eigentlich gemeint ist. Das Besondere an Narrativen ist, dass sie auf tatsächlichen gesellschaftlichen Ereignissen und Ideen fußen. Damit unterscheiden sie sich von rein fiktiven Erzählungen.
Die Geschichte um ein im Labor produziertes Virus, um gezielt Menschen zu töten, würde man als Science Fiction bezeichnen. Verschwörungstheorien zur Covid-19 Pandemie (einem realen Ereignis), beschreiben hingegen ein Narrativ.
Zumindest im Englischen findet sich dieser Unterschied auch in der Narrativ Definition wieder. Die englischen „narratives“ werden dabei beschrieben als „Erzählungen, die genutzt werden, um eine Gesellschaft oder historische Periode zu erklären oder zu rechtfertigen“.
Forderung nach einem „neuen Narrativ“
Was hat es dann damit auf sich, wenn ein „neues Narrativ“ gefordert wird? Es klingt einleuchtend, dass Menschen in Zeiten der Unsicherheit nach sinnstiftenden Erzählungen suchen. Doch ist es überhaupt möglich, Narrative zu erfinden?
Historische oder gesellschaftliche Ereignisse lassen sich schlecht kreieren. Neue Narrative können aber auch entstehen, wenn Ereignisse neue Erklärungen bekommen. Das Ereignis an sich ändert sich dabei nicht — die Geschichte, die darum erzählt wird, allerdings schon.
Das sieht man häufig in Unternehmen. So setzen Marken nach Rassismusvorwürfen zum Beispiel auf ethnische Diversität in ihren Werbungen. Oder Fast-Food Ketten ergänzen vegetarische Optionen nach Vorwürfen zur Massentierhaltung. Damit versuchen sie das Bild zu ihrer Marke in den Köpfen der Konsumenten zu ändern.
Was bedeutet Narrativ in der Politik?
Neue Narrative werden also teilweise gezielt eingesetzt, um die Gesellschaft zu beeinflussen. Besonders gefährlich können sie deshalb in der Politik werden. Denn wenn Geschichten genutzt werden können, um „die Gesellschaft oder historische Perioden zu rechtfertigen“, versucht der Erzähler sich selbst dabei natürlich möglichst gut darzustellen!
Im Wahlkampf setzen Politiker zum Beispiel Narrative ein, die neben rationalen Argumenten auch Ideen auf der Gefühlsebene vermitteln. So lassen sie in den Köpfen der Wähler neue Bilder entstehen, wie sie „die Welt erklären“ können. Außerdem können Politiker Narrative nutzen, um die Gesellschaft zu steuern und ihre Machtposition zu stärken.
Ein Beispiel aus dem Jahr 2022 ist Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine: In den Augen Europas begeht Russland schreckliche Kriegsverbrechen. Doch der russische Präsident Wladimir Putin verbreitet ein eigenes Narrativ. Die russischen Soldaten würden angeblich die Ukraine von Nazis befreien. Er stützt seine Geschichte durch manipulierte Fotos und viele Menschen glauben ihm.
Auch in der Vergangenheit findest du Beispiele für die Verbreitung von falschen Narrativen durch Propaganda. Die Rassenlehre der Nationalsozialisten führte beispielsweise zu abscheulichen Verbrechen.
Es ist daher besonders wichtig, die sinnstiftenden Geschichten nicht nur anzuhören, sondern sie auch kritisch zu hinterfragen. Denn verschiedene Narrative können zu einer unterschiedlichen Wahrnehmung gesellschaftlicher und politischer Ereignisse führen!
American Dream
Ein weiteres klassisches Beispiel ist das Narrativ vom Tellerwäscher, der durch harte Arbeit zum Millionär wird. Hier erfährst du alles zum Narrativ des American Dream und seinen Hintergründen.
Narrativ — häufigste Fragen
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Narrativ — häufigste Fragen
(ausklappen)-
Was ist der Unterschied zwischen einem Narrativ und einer normalen Geschichte?Ein „Narrativ“ ist mehr als eine normale Geschichte, weil es einer Gruppe eine sinnstiftende Deutung von Ereignissen oder Ideen gibt und damit ihr Weltbild prägt. Eine normale Geschichte kann dagegen einfach erzählen oder unterhalten und muss keine gemeinsame Orientierung oder Bedeutung für eine Gesellschaft stiften.
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Woran erkennt man das Narrativ in einer Rede oder in einem Zeitungsartikel?Ein „Narrativ“ in einer Rede oder einem Zeitungsartikel erkennt man daran, dass der Text ein reales Ereignis in eine einfache, sinnvolle „Grundgeschichte“ einordnet und dabei Gefühle und ein Wir-Gefühl anspricht. Zum Beispiel ist die Behauptung, russische Soldaten würden die Ukraine „von Nazis befreien“, ein solches Deutungsmuster.
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Ist ein Narrativ das Gleiche wie Propaganda?Ein „Narrativ“ ist nicht das Gleiche wie Propaganda, weil „ein Narrativ“ zuerst eine sinnstiftende Erzählung ist und Propaganda gezielt beeinflussen soll. Propaganda nutzt Narrative oft, indem sie einseitige oder manipulierte „Geschichten“ verbreitet, um Zustimmung zu gewinnen.
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Was sind Synonyme für „narrativ“?Synonyme für „narrativ“ hängen davon ab, ob das Adjektiv oder das Nomen gemeint ist: Als Adjektiv passen „erzählend“ oder „berichtend“. Für „das Narrativ“ passen Formulierungen wie „sinnstiftende Erzählung“ oder „(verbindende) Erzählung“, wenn es um eine gemeinsame Deutung geht.
Geschichtsbilder verstehen
Das Narrativ gehört zu den Geschichtsbildern und prägt, wie Menschen Vergangenheit und Gegenwart deuten. Wer sich mit Geschichtsbildern beschäftigt, vergleicht verschiedene Sichtweisen auf historische Ereignisse und politische Entwicklungen. So wird klar, wie Deutungen entstehen und warum sie das Weltbild von Gruppen beeinflussen können. Weitere Videos dazu findest du in unserem Geschichtsbereich.