Was ist eine Kadenz und wie kannst du sie bestimmen? Das erfährst du hier und im Video!
Inhaltsübersicht
Was ist eine Kadenz?
Eine Kadenz bezeichnet in der Lyrik (also in Gedichten) die Betonung am Ende eines Verses.
Je nachdem, wie die letzten Silben betont werden, unterscheidest du 3 Arten von Kadenzen:
- männliche Kadenz (endet auf eine betonte Silbe)
- weibliche Kadenz (endet auf eine unbetonte Silbe)
- reiche Kadenz (endet auf mehrere unbetonte Silben)
Die Kadenzen spielen eine wichtige Rolle für den Rhythmus, den Lesefluss und die Wirkung eines Gedichts. Sie werden eingesetzt, um Stimmungen zu erzeugen: Ob ein Vers hart und abschließend oder weich und fließend klingt, hängt davon ab, welche Kadenz verwendet wird.
Übrigens: Das Wort Kadenz kommt vom lateinischen „cadere“, was „fallen“ bedeutet. Es geht also um das „Fallen“ oder den „Abschluss“ eines Abschnitts. Die Kadenz gibt es so auch in der Musik.
Die drei Arten der Kadenz
Je nach Betonung des Endes des Verses kannst du drei Arten von Kadenzen unterschieden:
Studyflix vernetzt: Hier ein Video aus einem anderen Bereich
Nach Beantwortung speichern wir deine Antwort, um Studyflix zu verbessern. Mehr dazu erfährst du in unserer Datenschutzerklärung.
Männliche Kadenz
Eine männliche Kadenz liegt vor, wenn der Vers mit einer betonten Silbe endet. Die Silbe davor ist unbetont. (Versende: unbetont — betont )
Diese Art wirkt oft stark, klar und abschließend. So können die Dichter Stärke, Kraft und Entschlossenheit betonen. Auch wichtige Aussagen können sie so hervorheben.
→ Beispiel (aus Theodor Storms Gedicht „Die Stadt“ ):
Am | grau|en | Strand, | am | grau|en | Meer (m)
und | seit|ab | liegt | die | Stadt. (m)
Der | Ne|bel | drückt | die | Dä|cher | schwer, (m)
und | durch | die | Stil|le | braust | das | Meer (m)
ein|tö|nig | um | die | Stadt. (m)
Weibliche Kadenz
Eine weibliche Kadenz endet auf einer unbetonten Silbe. Die Silbe davor ist betont. (Versende: betont — unbetont)
Sie klingt weich und fließend. Deshalb eignet sie sich für ruhige und sanfte Passagen. Diese Kadenz kann zum Beispiel Kontinuität, Bewegung, Unvollständigkeit oder Unsicherheit verdeutlichen.
→ Beispiel (aus Friedrich Schillers Ballade „Der Ring des Polykrates“):
Er | stand | auf | sei|nes | Da|ches | Zin|nen, (w)
Er | schau|te | mit | ver|gnüg|ten | Sin|nen (w)
auf | das | be|herrsch|te | Sa|mos |hin. (m)
Reiche Kadenz
Die reiche Kadenz kommt eher selten vor. Sie endet mit mehreren unbetonten Silben. (Versende: betont — unbetont — unbetont)
Sie erzeugt eine melodische und rhythmische Vielfalt. Diese Kadenz hat einen ausgehenden Klang, wodurch das Versende nicht so abrupt wirkt.
→ Beispiel (aus Rainer Maria Rilkes „Sonette an Orpheus“):
Wir | sind | die| Trei|ben|den. (r)
A|ber | den | Schritt | der | Zeit, (m)
nehmt | ihn | als | Klei|nig|keit (r)
Achtung: Die reiche Kadenz kann leicht mit der weiblichen Kadenz verwechselt werden, weil bei beiden die letzte Silbe unbetont ist. Schau dir deswegen unbedingt auch die Betonung der vorletzten Silbe an, wenn du die Kadenz bestimmen willst!
Kadenz bestimmen — Anleitung
Wenn du die Kadenzen eines Gedichts bestimmen willst, kannst du so vorgehen:
-
Lies dir das Gedicht durch und achte dabei auf den Rhythmus: Welche Stellen werden betont?
- Trenne dann die Silben.
- Anschließend markierst du betonte (z. B. mit X, – oder markieren) und unbetonte Silben (z. B. mit x oder u):
Am | grau| en | Strand, | am | grau| en | Meer x X x X x X x X
Am | grau| en | Strand, | am | grau| en | Meer u – u – u – u –
Am | grau| en | Strand, | am | grau| en | Meer - Danach schaust du dir das Versende an, um die Kadenzen abzulesen:
Unterschiede zwischen männlicher, weiblicher und reicher Kadenz
„Am grauen Strand, am grauen Meer,“ hat also eine männliche Kadenz.
Kadenzen — Wirkung im Gedicht
Die Kadenzen hängen eng zusammen mit dem Reimschema und dem Versmaß eines Gedichts.
Das Versmaß (oder auch Metrum) beschreibt die Reihenfolge der betonten und unbetonten Silben im Gedicht. Das Reimschema beschreibt das Muster, nach dem sich die Verse reimen.
Metrum, Reimschema und Kadenzen erzeugen den Rhythmus und bestimmen Klang und Lesart des Gedichts.
Übrigens: Die Verse, die sich reimen, haben auch dieselbe Kadenz.
Dichter wählen die Kadenz oft bewusst, um eine bestimmte Stimmung oder Wirkung zu erzeugen.
Dadurch, dass männliche Kadenzen eher stark und abschließend und weibliche eher ruhig und sanft wirken, haben sie auch eine Wirkung auf die Stimmung im gesamten Gedicht:
Wirkung auf die Stimmung im Gedicht
-
Hauptsächlich männliche Kadenzen: Ein Gedicht, das überwiegend männliche Kadenzen verwendet, wirkt oft kraftvoll, direkt und entschlossen. Es klingt dann klar und abgeschlossen. Beispiele finden sich häufig in dramatischen und pathetischen Werken.
-
Hauptsächlich weibliche Kadenzen: Gedichte mit vielen weiblichen Kadenzen vermitteln Leichtigkeit und eher weiche Gefühle, wie Freude, Zuneigung oder Mitgefühl. Sie sorgen für einen fließenden Rhythmus. Das passt besonders gut zu ruhigen, nachdenklichen oder romantischen Themen.
- Wechselnde Kadenzen: Viele Dichter kombinieren unterschiedliche Kadenzen, das Gedicht ist so harmonisch und abwechslungsreich. Diese Variation hält den Leser aufmerksam und unterstreicht verschiedene Aspekte der Handlung oder des Gefühls.
Kadenzen bestimmen: Übungen
Versuch doch einmal selbst, die Kadenzen zu bestimmen.
Tipp: Lies die Verse laut vor, damit du hörst, wie sie betont werden.
-
Hat der alte Hexenmeister
sich doch einmal weggegeben!
(aus „Der Zauberlehrling“ von Goethe)
Hat| der | al|te He|xen|meis|ter (w)
sich | doch | ein|mal | weg|be|ge|ben! (w)→ Beide Verse enden auf einer unbetonten Silbe nach einer betonten. Es sind hier also zweimal weibliche Kadenzen! Die erzeugen einen fließenden und leicht beschwingten Rhythmus.
-
Vor seinem Löwengarten,
das Kampfspiel zu erwarten,
saß König Franz
(aus „Der Handschuh“ von Schiller)
Vor | sei|nem Lö|wen|gar|ten, (w)
das | Kampf|spiel | zu | er|war|ten, (w)
saß | Kö|nig |Franz (m)
→ Die ersten beiden Verse haben wieder weibliche Kadenzen, der dritte Vers endet auf eine betonte Silbe und hat eine männliche Kadenz. Franz wird so hervorgehoben.
-
Mächtiger, der du die Wipfel dir beugst,
brausend von Krone zu Krone entsteigst,
(aus Friedrich Rückerts Gedicht „An den Sturmwind“)
Mäch|ti|ger, | der | du | die | Wip|fel | dir | beugst, (m)brau|send | von | Kro|ne | zu | Kro|ne | ent|steigst, (m)
→ beide Verse enden betont und haben somit männliche Kadenzen. Dadurch wird die Kraft des Sturmwinds unterstrichen. -
Es schlug mein Herz, geschwind, zu Pferde!
Es war getan, fast eh gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht
(Aus „Willkommen und Abschied“ von Goethe)
Es| schlug| mein| Herz,| ge|schwind,| zu| Pfer|de! (w)
Es| war| ge|tan,| fast| eh| ge|dacht. (m)
Der| A|bend| wieg|te| schon| die| Er|de, (w)
Und| an| den| Ber|gen| hing| die| Nacht (m)
→ Weibliche und männliche Kadenzen wechseln sich ab. Es handelt sich um ein Liebesgedicht und die wechselnden Kadenzen betonen die Harmonie.
Metrum
Die Kadenz hängt eng mit dem Metrum zusammen. Wie du das ganz einfach bestimmen kannst, erfährst du hier!
Kadenz Gedicht — häufigste Fragen
(ausklappen)
Kadenz Gedicht — häufigste Fragen
(ausklappen)-
Was ist der Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Kadenz?Der Unterschied liegt in der Betonung am Versende: Bei der männlichen Kadenz endet der Vers auf einer betonten Silbe, bei der weiblichen Kadenz endet er auf einer unbetonten Silbe. Dadurch wirkt männlich oft stärker und abschließend, weiblich eher weich und fließend.
-
Wie findet man heraus, welche Silbe am Versende betont oder unbetont ist?Man liest den Vers laut und trennt die Wörter in Silben, damit man den Rhythmus besser hört. Danach markiert man betonte und unbetonte Silben und schaut am Ende des Verses, wie die letzten Silben klingen. Eine Betonung fühlt sich meist „kräftiger“ an als eine unbetonte.
-
Kann ein Gedicht verschiedene Kadenzen haben oder muss es immer eine feste Kadenz haben?Ein Gedicht kann verschiedene Kadenzen haben, weil die Kadenz für jeden Vers am Versende bestimmt wird. Manche Gedichte nutzen überwiegend dieselbe Kadenz, andere wechseln zwischen männlicher und weiblicher Kadenz. Wechsel können den Rhythmus abwechslungsreicher machen und einzelne Stellen stärker betonen.
-
Wie beschreibt man die Wirkung von männlicher und weiblicher Kadenz in einer Gedichtanalyse?Die Wirkung beschreibt man, indem man den Klang am Versende mit passenden Adjektiven verbindet: Männliche Kadenz wirkt oft klar, hart und abschließend, weibliche Kadenz eher weich, ruhig und fließend. In der Analyse kann man das mit der Stimmung begründen, die der Rhythmus im Gedicht unterstützt.
Gedichte verstehen
Die Kadenz gehört zu den Grundbausteinen von Gedichten und prägt den Klang eines Verses. Du untersuchst in Gedichten Reim, Rhythmus und Versmaß und schaust, wie einzelne Verse und Strophen zusammenwirken. Wenn du diese Merkmale einordnest, erkennst du besser, wie Stimmung und Aussage im Text entstehen. Im Deutschbereich findest du passende Videos zu diesem und verwandten Themen.