Was ist ein bürgerliches Trauerspiel? Alles zum Aufbau, zu den Merkmalen und Beispiele für das Theatergenre erfährst du hier und im Video!
Inhaltsübersicht
Was ist ein bürgerliches Trauerspiel?
Das bürgerliche Trauerspiel ist eine Form des Dramas aus dem 18. Jahrhundert. Es entstand in der Epoche der Aufklärung und zählt zu den Tragödien. Charakteristisch für das bürgerliche Trauerspiel ist, dass es erstmals die Schicksale der bürgerlichen Schicht in den Mittelpunkt der Handlung stellte.
Damit wurde die Ständeklausel der klassischen Tragödie, die nur Themen des Adels behandelte, gebrochen. Im bürgerlichen Trauerspiel geht es unter anderem um die Darstellung der Standesunterschiede zwischen Bürgertum und Adel.
Die Tragödie ist eine Form des Dramas. In der Tragödie wird ein tragischer Konflikt dargestellt, der in einer Katastrophe endet. Das kann z. B. der Tod einer Figur sein. Das Trauerspiel ist ein Synonym für die Tragödie.
Merkmale des bürgerlichen Trauerspiels
Das bürgerliche Trauerspiel erkennst du an diesen Merkmalen:
- Protagonisten aus dem Bürgertum: Einfache Bürger wurden realistisch mit ihren Stärken und Schwächen dargestellt.
- Tragischer Handlungsverlauf: In der Geschichte befand sich der Protagonist in einem tragischen Konflikt, der in einer Katastrophe endete.
- Bürgerlicher Schauplatz: Die Handlung spielte in einem bürgerlichen Handlungsraum, zum Beispiel im privaten Umfeld der Protagonisten.
- Sprache als Fließtext: Die Sprache war in Prosa verfasst. Das heißt, es wurde erstmalig Fließtext statt Versen benutzt.
- Standesunterschiede als Thema: Es wurde Kritik an sozialen Ungerechtigkeiten und der starren Ständegesellschaft ausgeübt.
Studyflix vernetzt: Hier ein Video aus einem anderen Bereich
Nach Beantwortung speichern wir deine Antwort, um Studyflix zu verbessern. Mehr dazu erfährst du in unserer Datenschutzerklärung.
Aufbau des bürgerlichen Trauerspiels
Der Aufbau des bürgerlichen Trauerspiels gleicht dem einer klassischen Tragödie. Du kannst dir den Aufbau wie eine Pyramide vorstellen. Es gibt insgesamt fünf Akte, die aufeinander aufbauen und ein sogenanntes Spannungsdreieck erzeugen.
Akt 1: Exposition
Die Exposition ist die Einleitung der Tragödie. Es werden die wichtigsten Figuren vorgestellt. Außerdem gibt es eine zeitliche und örtliche Einordnung.
Akt 2: erregendes Moment
Eine Krise oder eine Intrige (erregendes Moment) führt dazu, dass sich die Handlung verschärft.
Akt 3: Peripetie
Die Hauptfigur befindet sich in einem Konflikt und muss eine Entscheidung treffen. Es kommt zu einem dramatischen Wendepunkt (Peripetie).
Akt 4: retardierendes Moment
Im letzten Spannungsmoment (retardierendes Moment) wird klar, ob das Schicksal der Hauptfigur noch gerettet werden kann oder nicht.
Akt 5: Katastrophe
Der letzte Akt endet in einer Katastrophe und es kommt zum Untergang des Protagonisten. Das ist oft der Tod der Hauptfigur.
Inhalte des bürgerlichen Trauerspiels
Ein tragischer Konflikt im bürgerlichen Umfeld steht immer im Mittelpunkt eines bürgerlichen Trauerspiels. Allerdings haben sich die konkreten Inhalte und Themen im Laufe der Zeit verändert.
Anfangs lag der Themenschwerpunkt auf den Standesunterschieden der Bevölkerung. Konkret ging es dabei um die unterschiedliche Lebensweise von Bürgertum und Adel. Später wurden auch Konflikte, die innerhalb des Bürgertums auftraten, thematisiert.
Einzelne Personen versuchten, kleinbürgerliche Werte und Normen zu durchbrechen. Im Drama „Miss Sara Sampson“ von Lessing wird genau das thematisiert. Die Protagonistin ist bereit, ihre eigene Liebe zu opfern, um die Ehre ihrer Familie zu wahren.
Im späten 18. Jahrhundert richtete man sich thematisch sogar ganz explizit gegen das Bürgertum. Es wurden die ungleichen Lebensbedingungen innerhalb der Arbeiterklasse thematisiert. Der Konflikt bestand also nicht mehr zwischen Bürgertum und Adel, sondern zwischen den Bürgern und Arbeitern.
Geschichte des bürgerlichen Trauerspiels
Seit der Antike war die Tragödie dem Adel vorbehalten. Es galt die sogenannte Ständeklausel. Die besagte, dass der Held der Erzählung von einem hohen Stand sein musste. Im Laufe des Stücks konnte er durch einen tragischen Konflikt tief fallen. Das ist die sogenannte Fallhöhe des Protagonisten. Je höher die Fallhöhe, desto spannender und dramatischer ist die Erzählung. Einfache Bürger hingegen hatten nur eine begrenzte oder oft gar keine Fallhöhe.
Während der Epoche der Aufklärung im 18. Jahrhundert stellte sich das aufstrebende Bürgertum nach und nach gegen den Adel. Die Bürger kämpften für Freiheit und Gleichberechtigung. Das wirkte sich nicht nur gesellschaftlich aus, sondern auch im Theater. Sie wollten ihre eigene Tragödie und so entstand das bürgerliche Trauerspiel — eine Tragödie mit bürgerlichen Charakteren und Themen.
Der deutsche Dichter Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) war Begründer des bürgerlichen Trauerspiels. Sein Werk „Miss Sara Sampson“ (1755) wird als das erste deutsche bürgerliche Trauerspiel bezeichnet. Das Trauerspiel von Lessing und seine anderen Werke, die das Bürgertum thematisierten, machten ihn zu einem bedeutenden deutschen Aufklärer.
Beispiele für bürgerliche Trauerspiele
Welche Werke gehören nun zum bürgerlichen Trauerspiel? Die drei wohl bekanntesten Dramen des Genres siehst du hier:
- Gotthold Ephraim Lessing: „Emilia Galotti“ (1772)
- Friedrich Schiller: „Kabale und Liebe“ (1784)
- Friedrich Hebbel: „Maria Magdalena“ (1844)
Bürgerliches Trauerspiel — Emilia Galotti
Lessings Drama „Emilia Galotti“ wurde 1772 veröffentlicht und gilt als ein Schlüsselwerk des bürgerlichen Trauerspiels. Es erzählt die Geschichte von Emilia, einer bürgerlichen Frau, die von einem Adligen, dem Prinzen von Guastalla, begehrt wird. Der Prinz setzt alles daran, Emilia für sich zu gewinnen, und schreckt vor keiner Intrige zurück. Die Handlung nimmt schließlich ein tragisches Ende.
Die Tragödie entfaltet sich in einer bürgerlichen Umgebung. Das Drama thematisiert die Machtstrukturen und die sozialen Normen der bürgerlichen Gesellschaft. Durch die Darstellung eines tragischen Konflikts in einer bürgerlichen Umgebung sollte das bürgerliche Trauerspiel die Zuschauer emotional berühren und zum Nachdenken über gesellschaftliche Fragen anregen. Das Werk hatte großen Einfluss auf die Weiterentwicklung des deutschen Theaters und auf die Literatur der Aufklärung.
Bürgerliches Trauerspiel — häufigste Fragen
(ausklappen)
Bürgerliches Trauerspiel — häufigste Fragen
(ausklappen)-
Was ist der Unterschied zwischen einer Tragödie und einem Trauerspiel?„Trauerspiel“ ist ein anderes Wort für „Tragödie“; beide bezeichnen ein Drama, das einen tragischen Konflikt zeigt und in einer Katastrophe endet. Ein Unterschied besteht daher nicht im Grundtyp, sondern höchstens in der weiteren Einordnung, etwa als „bürgerliches Trauerspiel“.
-
Was bedeutet „bürgerlich“ im bürgerlichen Trauerspiel?„Bürgerlich“ bedeutet im bürgerlichen Trauerspiel, dass die Hauptfiguren zur bürgerlichen Schicht gehören und ihre Probleme in einem bürgerlichen Umfeld dargestellt werden, zum Beispiel im privaten Familienbereich. Häufig wird dabei der Standesunterschied zwischen Bürgertum und Adel thematisiert und kritisch beleuchtet.
-
Was ist der Höhepunkt eines Dramas?Höhepunkt eines Dramas ist die Stelle, an der der Konflikt am stärksten zugespitzt ist und sich die Handlung entscheidend wendet. Im fünfaktigen Aufbau liegt dieser Wendepunkt meist in Akt 3, der „Peripetie“. Danach führt die Handlung über das retardierende Moment in die Katastrophe.
-
Woran erkennt man, dass ein Drama wie „Kabale und Liebe“ ein bürgerliches Trauerspiel ist?Ein Drama wie „Kabale und Liebe“ erkennt man als bürgerliches Trauerspiel daran, dass bürgerliche Figuren im Zentrum stehen und ein tragischer Konflikt in einem bürgerlichen Lebensraum gezeigt wird. Typisch ist außerdem die Thematisierung von Standesunterschieden, besonders zwischen Bürgertum und Adel. Häufig ist die Sprache als Prosa-Fließtext gestaltet.
Dramen verstehen
Das bürgerliche Trauerspiel ist eine wichtige Form des Dramas in der Literatur der Aufklärung. Du ordnest Dramen nach Gattungen wie Tragödie oder Komödie und schaust auf Figuren, Konflikte und Sprache. So erkennst du, wie Aufbau und Standesunterschiede die Wirkung einer Szene bestimmen. Weitere Videos dazu findest du in unserem Deutschbereich.